Das Phänomen Sexismus in Deutschrap

Freitag, 19. Januar 2018



„Du nennst mich Terrorist, ich nenn’ dich Hurensohn. Ich geb’ George Bush n’ Kopfschuss und verfluche das Judentum.“
(Haftbefehl – Mama reich mir deine Hand)
"Hoes wollen mit dem Dicken chill'n. Find' dich schnuckelig wie einen Disneyfilm. Ich bin kein Player, doch ich ficke oft. Wenn du nicht kochen kannst, hol mir eine Chickenbox."
(Ali Bumae- Sex ohne Grund)
"Bitch: Fresse! Bevor ich dir den Sack in den Mund presse!"
(
Kool Savas 2000 - Lutsch mein Schwanz)


Das alles sind Zitate aus erfolgreichen Songs des gegenwärtigen Deutschraps, geprägt von aggressiver Phrasendrescherei, mal mehr, mal weniger krass. Das alles sind Zitate mit sexistischem, rassistischem und antisemitischem Anklang. Das alles geht gar nicht und trotzdem sind die Songs in jedermanns Lyriksrepartoire und Spotifyplaylisten enthalten. Was hat diese Tatsache über unsere Gesellschaft  auszusagen, in der Frauen in Musikvideos leicht bekleidet vor dicken Autos posieren und von dem Ghetto-Rapper mit Waffen und Geld im Gürtel als "Hure" oder "Schlampe bezeichnet werden? Und wieso ist Deutschrap trotz seiner political Incorrectness so ein großer Erfolg unserer Generation? K
ein wunder also, könnte man meinen, dass sich Beleidigungen wie Schwuchtel, Schlampe und Fotze auf den Pausenhöfen etabliert haben, Hass geschürt wird und die deutsche Sprache in gewisser Hinsicht den Bach runter geht.
Es war Mittwoch Nachmittag, ich hatte gerade meine letzte schriftliche Abiturprüfung in Englisch hinter mir. Ich war total befreit und happy, als ich da im Zug auf dem weg nach Hause saß und den Shuffle Botton von meiner Spotify Playlist drückte. Der Zufallsgenerator hatte sich für „Don’t stop me now“ von Queen entschieden und ich sang lautlos den Text mit, während mein ganzer Körper in dem Sitz der Deutschen Bahn mit groovte. Das Lied war zu Ende.
Dann: „Nur noch Gucci“ von Capital Bra. Eines der geilsten Tunes des aktuellen Deutschrap, wie ich finde.
"Nur noch Gucci, Bratan, ich trag' nur noch Gucci. Komm' in deine Stadt mit Drilon, Miri und Hamudi. Diese Szene ist 'ne Kahba und ich bang' die Pussy. Nur noch Gucci, Bratan, ich trag' nur noch Gucci"
(Capital Bra- Nur noch Gucci)
Ich sang die Zeilen mit. Wie ich es die letzten fünf mal schon gemacht hatte und dann wurde mir eines bewusst: Der Text geht sowas von gar nicht! Warum sang ich mit? Wieso feiere ich Musik, die frauenfeindliche respektlose Lyriks beinhaltet und unterstütze damit den Erfolg? Meine Gedanken, mit jedermenge Frage- und Ausrufezeichen hintendran, könnt ihr hier lesen und vielleicht ja in den Kommentaren Teil einer kleinen Diskussion oder Meinungsaustausch sein.
Kann Deutschrap politisch korrekt sein und wie weit darf künstlerische Freiheit gehen?
Welchen Einfluss haben Texte auf Jugendliche und ihr Weltbild?

Rap lebt von Überzeichnungen, ich weiß. Aber in meinen Augen steckt auch in der Übertreibung ein Stück Wahrheit oder vermittelt dies zumindest an die Zielgruppe, meist bestehend aus Jugendlichen, die jede Zeile unreflektiert und auswendig mitrappen und nicht unterscheiden können, ob der Inhalt nun die Meinung ihres Idols widerspiegelt oder hyperbole Ironie ist. Denn meiner Meinung nach ist es das meist bzw hoffe ich, dass diverse Selbstprofilierungen als "Mann" und die Degradierung der "Frau" mit den einhergehenden Klischees und Zuschreibungen spielen um diese in Frage zu stellen und zu provozieren.
Sxtn, als female-Battlerap Duo, macht genau das in ihren Songs "Ausziehen" , "Hassfrau" und "Er will Sex"- so etwas feiere ich und sehe ich voll und ganz als Gesellschaftskritik und Form von Mitteilung und Kunst. Vielleicht ist es ja gut, dass die Hemmungen sinken, dass endlich jemand Wörter in dem Mund nimmt und in originalen Kontext bringt, vor denen man sich vor Jahren noch versteckt hätte. Vielleicht ist das ein Fortschritt, vielleicht ist das Emanziaption.
Doch dass dies durch die Reihe weg die Message hinter Beleidigungen und Schimpfwörtern ist, kann ich mir auch nicht vorstellen.
Vielleicht ist diese Mannesprofilierung auch eine Reaktion auf die soziale Kastration des Mannes. In einer Gesellschaft, in der Geschlechterrollen mehr und mehr verschwimmen, müssen das manche Macho und Prolls vielleicht durch die Erschaffung einer übersteigerten Geschlechterhierachie kompensieren. Arm irgendwie.
Trotzdem: Rap ist Musik und Musik ist Kunst. Und in der Kunst ist bekanntlich alles erlaubt. Worte sind den Rappers Werkzeuge und vielleicht brauchen  sie ja alle zur freien Verfügung. Ginge vielleicht sogar der Reiz des Deutschraps verloren, wenn provokante Texte gegen softe Umschreibungen eingetauscht würden? Keiner möchte gesprochenen Schlager. Alle möchten hart und furchtlos wirken.
Dabei ist eines für mich sicher: Durch Hiphop kommt zum Ausdruck wie die Gesellschaft wirklich ist und nicht, wie sie sein sollte. Sex sells. Das selbe scheint für Sexismus und Kraftausdrücke zu gelten. Das kommt an und die Masse feiert es.


Am Ende blieb in meinem Kopf eine Frage: Ist Deutschrap für mich als Konsumenten überhaupt noch vertretbar? Aber ich glaube diese Frage kann nur individuell beantwortet werden. Schließlich kommt es auf die Intention und die Motivation des/r Rappers/in an. Besonders in der Kunst ist der Inhalt nicht alleine bedeutungsgebend. Ich möchte in nächster Zeit genauer hinhören. Und dann erst mitsingen. Und vielleicht bleibe ich auch einfach bei "Dont stop me now" von Queen.

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