Ich will nicht mit Rechten reden

Dienstag, 9. Januar 2018



Ich will nicht mit Rechten reden.
Ich weiß, man sollte sich öffnen, diskutieren und in einen Dialog kommen- nur so könne man erwachsen über Politik sprechen und sich gegenseitig überzeugen. Aber, und das sind Fragen, die ich mir in letzter Zeit vermehrt stelle, wo hört Toleranz auf? Muss man Intoleranz tolerant begegnen?
Und was ist die beste Reaktion auf Hass im Alltag, den wir beobachten oder teilweise selbst erleben?
Mein erster und ehrlichster Impuls ist immer noch, dass ich kotzen möchte, wenn ich jemanden höre, der sich über die "Entfremdung unseres Vaterlandes", "Flüchtlings-Sozialschmarozzer" oder "arbeitsklauende Affen" beschwert. (das alles sind keine frei erfundenen Zitate).

 In mir versteift sich alles, ich werde einfach nur wütend und imaginär spucke ich diesen Leuten vor die Schuhe. Imaginär.
Auch
Facebook-„Freunde“, die unreflektierte Fake-News teilen und zur Wahlsaison Programme von fremdenfeindlichen Parteien propagieren, werden ohne Zögern verbannt.
Im Internet kann ich mich ganz gut von der braunen Masse fernhalten.
Doch im echten Leben? Da funktioniert mein klares Freund-Feind-Schema nicht.
Ich brenne nicht sehr für Politik und kenne mich nicht gut aus. Aber bei Stammtischmeinungen und braunem Gequatsche nach dem dritten Bier kann ich meinen Mund nicht halten.
Alleine im vergangenen Jahr fand ich mich ein halbes Dutzend Mal in Unterhaltungen mit Menschen, die ich ganz gut kenne, und meistens oder manchmal sogar schätze, und denen ich bisher auch nichts Böses versucht hätte zu unterstellen und die dann Argumente der richtig miesen Sorte auspackten; diese mit leeren Statistiken und Aussagen kräftigten und mit Material aus rechten Medien ausmalten- scheiße ist sowas.

Ich war verstört festzustellen, dass sich Rassismus nicht irgendwo da draußen vereinzelt abspielt, sondern auch seinen Weg in meinen näheren Bekanntenkreis gefunden hatte- scheiße ist sowas.
Und anfangs- ja, da kannte meine Diskussionsfreudigkeit und meine Ich-will-dich-von-meinem-Standpunkt-überzeugen-Attitude kein halten mehr. In den meisten Fällen mit recht frustrierendem Ausgang: Trotz stundenlanger Streitgespräche, endeten meine Umstimmungsversuche meistens mit den Worten "Hach, da ham wa uns aber mal gefetzt" inklusive versöhnlichem Schulterklopfer oder und das ist weitaus schlimmer- meine zunehmende Empörung wurde als moralische Überheblichkeit ausgelegt, oder mein Gesprächspartner sprang von einem Thema zum anderen, bis er eines gefunden hatte, bei dem ich mich weniger gut auskannte und argumentativ nicht mehr hinterherkam.
Ich für meinen Teil kann sagen- ich habe keine Angst vor einer Hautfarbe oder einer Religion. Ich fühle mich sicher in unserem Deutschland, das nun nicht nur Alexander und Mareike, sondern auch Achmet und Semir gehört. Ein Deutschland, das Brücken statt Schranken baut. Ein Land, das sich Krisen stellt und diese auch als Chance sieht: Menschen helfen zu können, die Deutschland auch positiv formen und mitgestalten können. Das ist so.
Ich will nicht mit Rechten reden. Aber ich will mich stark machen und mit Aktionen der positiven Art, irgendwo auch gegen die braune Meute rebellieren und ein Zeichen setzten. Nichts zu tun ist für mich kein erwachsendes Verhalten. Der klügere gibt nach zieht hier nicht. Defensive zieht hier nicht.
Nichts zu tun ist bedeutet für mich Akzeptanz, Ignoranz oder Angst. Ich für meinen teil kann sagen- ich habe keine Angst. Und ich bin damit zum Glück nicht in der Minderheit. Leider verdeckt die braune Scheiße allerdings manchmal den Duft von Gemeinschaft und Solidarität. Es bleibt ein hässliches Thema und meinetwegen bin ich eben intolerant, wenn ich bei Aussagen wie "Ich bin ja kein Rassist, aber..." meine Ohren zuhalte und so manche Meinungen nicht akzeptieren kann. Denn deine Argumente zählen nicht, wenn am Ende die Frage nach Menschlichkeit offen bleibt. So. Ich will nicht mit Rechten reden.


Kommentare

  1. Richtig guter Text, finde du hast das echt schön geschrieben und
    hoffentlich bringt es den ein oder anderen auch mal zum nachdenken.
    xxx Louisa

    https://thegoldenpineappleblog.blogspot.de/

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  2. bei mir 1:1 das selbe. am anfang habe ich immer noch losargumentiert und für etwas eingestanden, was ich persönlich für selbstverständlich halte. aber wie du schon sagst, solche gespräche gehen irgendwie in 9 von 10 fällen ins leere und machen einem nur schlechte laune. ich werde zwar trotzdem nicht aufhören darüber zu reden, weil sich bei mir da echt alles quer stellt und ja vielleicht die chance besteht, dass sich jemand auch nur 0,11112% darüber gedanken macht.
    ich mag, dass du solche themen anschneidest! echt!

    liebste grüße, laura von
    http://dthreeasixyfives.blogspot.de

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    1. Ein Riesen Dankeschön! Behalte das bei! xx

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  3. Ganz, ganz große Liebe für diesen Text! Dein Schreibstil und die Themen, die du ansprichst, finde ich klasse :)

    Ganz liebe Grüße an dich, Julia ☾ | www.serendipityblog.de

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  4. Dankeschön =) Gerne. Ohja der Film is echt sehenswert, super lustig.

    Ein schöner Post =)
    Ich stimme dir so zu, solche Leute möchte ich auch nicht in meinen Kreisen haben, da gibts auf Facebook zum Glück genug Möglichkeiten sich zu schützen :D
    Liebe Grüße

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