Die Seuche unserer Generation

Dienstag, 10. April 2018


Der schmale Grad zwischen digital native und digital addict oder auch- die seuche unserer Generation

Heute heißt es: bb *Kussemoji* statt- ich freue mich auf ein Wiedersehen mit dir- bitte so bald wie möglich erneut, meine Liebe!
Heute erübrigt sich die Frage „na, was hast du den Tag über unternommen?“ mit einem Blick auf deine Instagramstory, in welcher du Endlosbewegtbilder und dramatische Superzooms aneinander reihst, genau wie unrealistische schlecht zitierte Lebensweisheiten, oft in noch schlechterem Englisch, an die du dich selbst noch nie gehalten hast.
„At the end of the day, your feet should be dirty, your hair messy and your eyes sparkling”
Dann mach mal.
Aber stopp- dein Handy gibt einen Laut von sich- morgen dann dreckige Füße, zerzauste Haare und funkelnde Augen, schon ok.
Du reagierst wie ein Pawlowscher Hund auf das Bingen, das Summen, das Aufleuchten deines Handys, deine Daumen tippen so schnell als wären sie für nichts anderes geschaffen.
Dein Handy ist für dich mehr als nur ein technisches Gerät. Es ist deine Luke zur Außenwelt, der Zugang zu deiner eigenen Lebensillusion auf Instagram, wo du täglich Sport treibst, dich gesund ernährst und 5kg weniger wiegst und der zu deiner Identität auf Facebook, wo du circa 400 mehr Freunde hast als in der Realität. Dein Handy ist dein Zugang zu Wissen, gleichzeitig Erfahrungsberichter wie einst deine große Schwester und Lexikon wie früher der 500 Seiten Schinken, der nun verstaubt in der letzten Ecke des Regals als Andenken thront.
Dein Handy ist mehr als nur ein technisches Gerät.
Jemand sagte einmal, richtig befreundet ist man, wenn man die Sätze des anderen vervollständigen kann- und das kann die Autokorrektur ziemlich gut. Jemand sagte einmal, das letzte woran du beim Einschlafen denkst, daran hängt eigentlich dein Herz. Dein Handy schläft neben dir ein, wacht neben dir auf, wacht neben dir, ist das erste, was du und dich morgens begrüßt. Es begleitet dich deinen ganzen Tag, ist dir näher als sonst wer, immer in der Hosentasche und immer abrufbar- wie eine beste Freundin, die spontan mit einer Flasche Wein vorbeikommt, wenn der Tag öde und anstrengend war oder es was zu feiern gibt. Heute heißt es: *Party-Emoji*

Du- das heißt ich. Ich bin genau so. Ich bin diese Person, die mittlerweile ohne Handyakku, ohne Musik im Ohr (durch Spotify), ohne die ein oder andere Navigation aufgeschmissen ist. Und das nervt mich total.
Ich liebe Fortschritt. Und ich liebe smarte Technologien, die dazu befähigen sich zu vernetzen auszutaschen und zu kommunizieren. Aber manchmal, und in letzter Zeit immer öfter, stresst es mich. Da setzten mich blaue Haken unter Druck, Missverständnisse via Whatsapp-Schrieb häufen sich (oh, wow warum schreibst du ohne Smileys, stimmt was nicht?) und ich will einfach mal abschalten und das Handy aus. Und ich möchte unerreichbar sein, manchmal.

Du weißt dass es Zeitverschwendung und generell scheiße ist, aber du tust nichts dagegen. Dich nervt es selbst.
 
„At the end of the day, your feet should be dirty, your hair messy and your eyes sparkling”

Ja man.
Lass mal richtig was offline unternehmen und es irgendwie allein mit den eigenen Sinnen dokumentieren. Lass mal den Tag ohne hash-Tag feiern und lass mal unsere Augen zum strahlen bringen. (und zwar nicht von zu viel Bildschirmstarren). Ich bin nicht der Typ für krasse Abstriche. „Digital Detox“ von heute auf morgen würde mich sicherlich auch nicht glücklich machen. Aber gestern, da fiel mir auf, dass ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr richtig gelesen habe. So richtig meine ich, nicht aus schulischen Gründen. Lesen aus Entspannung, Spaß und aus Gemütlichkeitsgründen, meine ich. Und dann habe ich mir Lesestoff geschnappt und mich einfach hingesetzt und begonnen zu schmökern. Und nach zwei, drei, vier Kapiteln merkte ich, dass ich jetzt auch einfach einschlafen kann, ohne den neuesten Instagramfeed von scheinperfekten Lebenskonstruktionen neureicher instagirls zu sehen, sondern dass dieses Gefühl von Ruhe und In-sich-sein manchmal DER perfekte Ausklang eines Tages bietet.
Ich selbst fühle mich schon wie ein Härtefall. Eines über das SpiegelTV berichten könnte: Linda Z (19 Jahre), fast 24h am Tag online. Aber wie wird es meinen Kindern irgendwann gehen? Ich bin so froh erst mit 13 in Berührung mit einem „richtigen“ Handy gekommen zu sein und damit eine Kindheit erlebt haben zu dürfen, in der wir Kreide im Hof gemalt, Pferdchen gespielt und Zirkusnummern einstudiert haben. Ich will bitte dasselbe für meine Kinder einmal. Wird das dann noch möglich sein vor lauter Medienwahnsinn und Smartphones als Mindeststatussymbol?

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